Prävalenz von psychischen Krankheiten & äußere Faktoren

Politische Diskussionen ohne Tierrechtsbezug

Beitragvon Akayi am 15. Mai 2017 03:04

Ja, das sehe ich jetzt auch dass das unsauber ist. Ich habe dafür keine quantitativen Daten. Ich versuche nachher im Flieger nochmal nachschlagen bezüglich Armut - Depression.
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Beitragvon illith am 15. Mai 2017 03:14

cool :)
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Beitragvon Ars am 15. Mai 2017 09:01

Ich finde die Frage echt spannend. Leider bin ich so gar keine Expertin und kann das Ganze nur gefühlsmässig andenken.

Einerseits bin ich davon überzeugt, dass es Bereiche gibt, die - wie schon geschrieben - einfach jetzt diagnostiziert werden, weil wir die entsprechenden Ärzte haben. Es wird sicher auch einiges überdiagnostiziert. Meine Tochter war als Kind arg schusselig und hatte einige Unfälle. Als unser Hausarzt in Urlaub war, mussten wir zu einem anderen, als sie mal wieder den Fuss umgeknickt und dicke geschwollen hatte. Der meinte dann tatsächlich, man müsse schon klären, ob da nicht etwa ADHS vorliege, wenn sie sich ständig stosse. Ich habe das zur Kenntnis genommen, bin gegangen und liess es bleiben mit weiteren Untersuchungen. Dieses Kind war alles, aber litt sicher nicht unter ADHS. Gibt es keinen Arzt, kann der nichts diagnostizieren. Gibt es eine neue Kategorie im ICD10, hat man schwupsdiwups plötzlich viele neue Kranke. So hat mir mein Hausarzt letztens gesagt, dass medikamentöse Behandlungen gegen Diabetes/Bluthochdruck (eins von beidem war es), in den USA bei einem tieferen Grenzwert begonnen würden, als in der Schweiz. Sind die Leute in Europa über diesem USA-Grenzwert aber unter dem Europa-Grenzwert jetzt krank oder nicht?

Gab es früher tatsächlich keine Essstörungen? Wer weiss, vielleicht waren die Leute, die so asketisch lebten und denen man voller Bewunderung zusah, wie sie fähig waren für ihren Gott in Armut und Hunger zu leben, auch essgestört? Inwiefern fällt jemand der bewusst nichts isst, in einer Gesellschaft überhaupt auf, die dauernd zu wenig zu Essen hat? Wäre dieser Mensch nicht jemand, den man dafür liebt, dass er so selbstlos ist, dass er auf grosse Teile seines Essens zu Gunsten der Familie verzichtet? Ist es für die Psyche überhaupt "logisch", sich über etwas auszudrücken zu versuchen, was gar nicht vorhanden ist oder würden in solchen Ländern nicht andere Störungen auftreten dafür? Inwiefern ist es nicht komplett normal, keine Energie zu haben für den täglichen Überlebenskampf, wenn man kaum zu Essen hat, im Dreck lebt und keinen sicheren Schlafplatz hat? Ist es nicht eher normal, dass man irgendwann depressiv wird dabei; aber ist diese Depression wirklich krankhaft oder nicht eher eine logische Folge der Lebensumstände?

Oi... viele Fragen...
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Beitragvon Balthazar2026 am 15. Mai 2017 09:27

Richtig viele Fragen.

Und um diese überhaupt sinnvoll zu beantworten müsste man sich auf einige Kernfragen einigen fürchte ich.

Was wohl relativ fakt ist das psychische Erkrankungen auch unter Extrem oder Mangebedingungen auftreten (ARmut, Hunger, extremer Stress)
aber erst in "besseren" Zeiten diagnostiziert bzw. benannt werden.
Davon ab das viele derartige Störung teilweise ja auch eine psychiche Anpassung an bestimmte Situationen sind.
Viele ausprägungen einer PTSS haben in der entsprechenden Situation Sinn gemacht und das Leben gesichert.
Im friedlichen Umfeld ahindert es aber daran an einem normalen Leben teilzunehmen.

Was uns auch über umwegen zur Diskussion/Definition darüber bringt ab wann etwas als krank bezeichnet wird.

(Thema Armut/Depression gibt es viele Studien aus Indien, auch einige westliche Studien die das ganze epigenetisches betrachten)
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Beitragvon Mr. Kennedy am 15. Mai 2017 10:27

Ars hat geschrieben:Gab es früher tatsächlich keine Essstörungen? Wer weiss, vielleicht waren die Leute, die so asketisch lebten und denen man voller Bewunderung zusah, wie sie fähig waren für ihren Gott in Armut und Hunger zu leben, auch essgestört? Inwiefern fällt jemand der bewusst nichts isst, in einer Gesellschaft überhaupt auf, die dauernd zu wenig zu Essen hat? Wäre dieser Mensch nicht jemand, den man dafür liebt, dass er so selbstlos ist, dass er auf grosse Teile seines Essens zu Gunsten der Familie verzichtet? Ist es für die Psyche überhaupt "logisch", sich über etwas auszudrücken zu versuchen, was gar nicht vorhanden ist oder würden in solchen Ländern nicht andere Störungen auftreten dafür? Inwiefern ist es nicht komplett normal, keine Energie zu haben für den täglichen Überlebenskampf, wenn man kaum zu Essen hat, im Dreck lebt und keinen sicheren Schlafplatz hat? Ist es nicht eher normal, dass man irgendwann depressiv wird dabei; aber ist diese Depression wirklich krankhaft oder nicht eher eine logische Folge der Lebensumstände?


Essstörungen liegt ja meistens ein komplexbehafteter Bezug zum eigenen Selbst, bzw. ein gestörtes Selbstwertgefühl zugrunde. Insofern würde es schon Sinn ergeben, Essstörungen eher gehäuft in einer Kultur anzutreffen, deren Lebensstandard hoch genug ist, um das Bedürfnis zur Selbstverwirklichung entstehen zu lassen. Wenn man sich grob an der Maslowschen Bedürfnispyramide orientiert, wird klar was ich meine (auch wenn sie stark umstritten ist). Eine Person deren physiologische Grund- und Sicherheitsbedürfnisse gesichert sind, entwickelt vermutlich eher eine psychische Krankheit, die durch den Konflikt mit dem eigenen Selbstwert entsteht, als eine Person deren Grundbedürfnisse nicht gesichert sind. Diese würde dann vermutlich eher von Existenzängsten und traumatischen Belastungsstörungen gepeinigt werden. Die reine "Anzahl" an psychischen Erkrankungen allgemein betrachtet, gleicht sich aber in etwa denke ich.
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Beitragvon somebody am 15. Mai 2017 14:34

Die Ursachen von Depression sind prinzipiell unabhängig davon, ob die an ihr leidenden Menschen in Entwicklungsländern oder in Industrieländern ohne/mit allgemeiner Krankenversicherung leben. Bei Vorhandensein von Kostendeckung durch Krankenversicherung oder durch Selbstzahlerfähigkeit, wird vorzugsweise mit Medikamenten (meist nicht wesentlich häufiger wirksam als Placebos) oder Psychotherapie behandelt (sehr unterschiedliche Behandlungsergebnisse).
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Beitragvon Gruftmoggele am 15. Mai 2017 15:09

Ich finde das ganze Thema super spannend :up:

Als ich anno 2012 Patientin in der Sonnenbergklinik Stuttgart war, hatte ich die Ehre einem promovierten Psychologen bei einem Votrag zu lauschen. Ich weiß nur leider nicht mehr wer es war.
Da ging es auch um die Entstehung von "psychischen Krankheiten". Es ist in der Tat so, dass es in diesen Zeiten mehr Menschen mit psychischen Symptomen gibt. Früher war es dagegen so, dass die Menschen eher unter körperlichen Problemen wie Rücken oder Gelenkschmerzen gelitten hätten.

Wenn ich mich recht entsinne, liegen die Gründe eben in der jetzigen guten medizinischen Versorgung und Infrastruktur.
Es ist aber nicht so, dass sich der Mensch irgendwann mal für so eine Krankheit entschieden hat, also so 1st word problem mäßig. Ein Grund für zum Beispiel eine Depression kann ein nicht gemachter Entwicklungsschritt des Menschen sein. Beste Beispiele: Pupertät, Eintritt ins Erwachsenenalter, Rente.
Diese Entwicklungen muss der Mensch ja schon seit langem durchmachen, das ist nichts neues. Nur manche entwickeln bei so einem Schritt eben Symptome, manche nicht.
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Beitragvon Balthazar2026 am 15. Mai 2017 15:21

Zudem kommt noch etwas grunsatzliches hinzu und zwar wie man Gesundheit und Krankheit definiert:

http://gesundheitsmanagement.kenline.de ... nkheit.htm

Die meisten Definition haben eine starke Situationsabhängigkeit.

Dazu kommt dann noch Priorisierungen.. wer Hunger leidet oder sich in einer gefährlichen Umgebung befindet wird sich keine Sorgen machen ob er vielleicht
in der frühen Kindheit die Grundlage für diverse Bindungsprobleme aufgebaut hat.
Auch in diversen patriachischen Gesellschaften fallen diverse Vater/Mutter-Komplexe kaum auf (oder sind offenbar unreflektierter sozialer Standart ...kann man auch diskutieren)
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Beitragvon gemüse am 17. Mai 2017 21:38

Das ist ein interessantes Thema. Hat dazu schon jemand belastbare Daten gefunden, also solche, die z.B. zwischen Befindlichkeitsstörung und Erkrankung unterscheiden und auch die jeweiligen Diagnose- und Erfassungsmöglichkeiten berücksichtigen?
(Zumindest geographisch scheinen diese nicht gleichmäßig verteilt zu sein:
http://gamapserver.who.int/mapLibrary/F ... s-2011.png )

Vielleicht müsste man auch noch den Umgang der Umgebung mit Verhaltensweisen berücksichtigen und damit die bereits angesprochene Definitionsfrage? (Askese vs Essstörung, PTSD vs "allzeit bereiter Kämpfer"). Was in der einen Umgebung als normale Reaktion auf Lebensumstände oder Ereignisse gilt, kann in der anderen als nicht mehr nachvollziehbare Depression betrachtet werden, und der Seher oder das Medium der einen in der anderen als Geisteskranker gelten.

Spannend wäre auch, ob Gesellschaften sich darin unterscheiden, wie häufig psychische Erkrankungen insgesamt und nach Krankheitsbild differenziert vorkommen.
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Beitragvon .u. am 19. Mai 2017 17:04

Schon in Deutschland sieht man ja keinen Zusammenhang wohlhabend-sein -> psychisches Leiden.
Ich bin absolut überzeugt davon, dass Menschen überall, in jeder Kultur und unabhängig von Wohlstand die selben Gefühle haben und die selben Probleme in ihrem Zusammenleben. Solche Leiden haben normalerweise was mit zwischenmenschlichen Sorgen zu tun und so weiter. Gerade in ärmeren Gegenden kann z.B. eine Person sehr viel Verantwortung zu tragen haben für andere. Oder wenn bestimmte soziale Regeln sehr wichtig sind, kann es passieren, dass ein Mensch sich nicht dazugehörig fühlt. Außerdem liegt manchmal auf Kindern armer Familien, deren Eltern vielleicht einige Entbehrungen auf sich nehmen, um das Kind zur Schule zu schicken, ein großer Erwartungsdruck. Zum Beispiel ist es auch in vielen Ländern noch glaube, wenn man seine Kinder sehr streng erzieht, wird etwas aus ihnen. Auch strenge Religiösität kann seelische Probleme bedingen. Es gibt auch überall Konflikte zwischen Eheleuten, die den Kindern schaden. Oder es gibt sehr viele Frauen, die ihre Kinder allein erziehen und wechselnde Partner haben. Es gibt diese Probleme überall. Es ist überall das gleiche. Borderline, Depression, Essstörungen, Ängste, Sucht.
...But the stars we could reach were just starfish on the beach.
.u.
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