Gott und die Massentierhaltung

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Mokiscrofa
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Gott und die Massentierhaltung

Beitrag von Mokiscrofa » 16. Jun 2018 10:34

Wie die abrahamitischen Religionen die moralischen Prämissen für die Entstehung der modernen Tierindustrie erschufen.

Die moralischen Ansichten eines Menschen entwickeln sich, wie alle anderen Ansichten, immer in Interaktion mit seinem sozialen Umfeld. Weiße, die in Südafrika aufwachsen, sind i.d.R. rassistischer sind als Weiße, die in Europa aufwachsen. Menschen im 21. Jahrhundert haben nur deswegen eine ethischere Moralvorstellung, weil sie in einer ethischeren Kultur leben, als die eines Menschen im feudalen Europa. Es gibt keine genetische Anlage die Menschen aus diesen beiden Kulturen ethischer oder unethischer handeln lässt. Die Religion ist heutzutage bereits in der Kultur unserer Gesellschaft verankert. Viele moralische Ansichten europäischer Atheisten sind durchtränkt mit Moralvorstellungen aus der Bibel. Zu dieser religiös-kulturell fundierten Moral gehört auch der Antispeziesismus. Praktizierenden Christen und Christinnen empfehle ich an dieser Stelle nicht weiter zu lesen, es könnte eure religiösen Gefühle verletzen. Falls Kritik an der Religion erlaubt ist, bitte weiterlesen!

Vor tausenden von Jahren waren viele Religionen sehr naturverbunden. Dies ist kein Zufall, sondern eine logische Konsequenz aus dem Alltag von Menschen, die mit den Tieren in einer Gemeinschaft lebten. So haben „primitive“ Menschen im Neolithikum, also in der Zeit in der sich der Ackerbau und die Viehzucht weltweit etablierten, ihre Tiere beerdigt. In nordamerikanischen, animistischen Religionen lässt sich nachweisen, dass Menschen nach der Tötung eines Tieres, sich bei diesem für die Tat rituell entschuldigten.
Doch mit der Zeit, und fortschreitender Entfremdung der europäischen Gesellschaft zur Natur, wurde der moralische Wert der Tiere immer niedriger eingestuft. Schließlich, vor mehr als 3000 Jahren, mit dem Aufkommen der ersten abrahamitischen Religion, wurden die Tiere vollständig entwertet. Der Sklave namens „Nutztier“ war geboren. Insbesondere das Christentum nutze alle verfügbare Gewalt auch den letzten animistischen Ritus (Aberglaube, Hexerei) aus den Gesellschaften zu tilgen. Dies war der Grundstein für ein 3000 Jahre altes Moralverständnis vom Wert des nichtmenschlichen Lebens. Nur so konnte in den 1950er das Tier als Produkt in den fortschreitenden Prozess der Industrialisierung eingefügt werden.
Bereits im Schöpfungsmythos steht der Auftrag des naturfeindlichen abrahamitischen Gottes geschrieben: „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ (Gen 1,28 ) Wenn es einen Satz aus der Bibel gibt, den die Menschen ernstgenommen haben, dann ist es dieser.
In seinem Buch „Tiere Denken“ zitiert Richard David Precht Jesus, wie er zu seinen Jüngern spricht: „Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie Säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in den Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“ (Matthäus 6,26)
Auch die zahlreichen Exegesen (eine theologische Kunst, aus einem Text jeden beliebigen Inhalt herauszulesen) befreien die abrahamitischen Religionen nicht vor Ihrer Schuld. Die Praxis der letzten 3000 Jahren spricht für sich selbst. Auch heute noch, machen sie keinerlei Anstalten, den Tieren ihr gestohlenes Recht zurückzugeben.
So wie in der Aufklärung im 18. Jahrhundert die Menschenrechte und die Frauenbewegung im 19. Jahrhundert die Frauenrechte gegen das Christentum durchgesetzten, so muss heute die Tierrechtsbewegung gegen die christliche Weltanschauung kämpfen, um den Tieren ihren rechtmäßigen Status zurückzugeben.
LG Mokiscrofa

Aloe Mutabilis
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Beitrag von Aloe Mutabilis » 16. Jun 2018 14:34

Ich finde das eine sehr interessante Betrachtung.

Sag mal, hast Du zu den prähistorischen Darstellungen Quellen? Würde ich gerne mal lesen.


Was in unserer Gesellschaft fest verankert ist, ist die Unterscheidung von "Mensch" und "Tier".
Naturwissenschaftlich entbehrt das jeder Grundlage, da der homo sapiens letzter Überlebender der Gattung homo ist, die zu den menschenähnlichen Trockennasenprimaten gehören, die zu den Affen, zu den Säugetieren, zu den Wirbeltieren, und letztendlich dem Reich der Tiere angehören.
Viele Religionen sehen den Menschen jedoch als "Abbild Gottes" an.

Und gerade diese Unterscheidung ist letztendlich die Grundlage, wieso man einem "Tier" Dinge antun darf, die bei einem "Menschen" zu den schlimmsten Verbrechen zählen.


Und nebenbei gemerkt gibt es noch viele weitere Errungeschaften, die wir heute als normal wahrnehmen, die jedoch gegen die Religion bzw. die Kirchen erkämpft werden mussten, wie z.B. Religionsfreiheit, Bildung, freie Meinungsäußerung, Wissenschaft und Demokratie.
Manches davon existiert teilweise weiter, z.B. dass Kinder oft immer noch keine eigene Religionsfreiheit haben.

Mokiscrofa
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Beitrag von Mokiscrofa » 16. Jun 2018 15:38

Sag mal, hast Du zu den prähistorischen Darstellungen Quellen? Würde ich gerne mal lesen.
Die s.g. Rinderbestattungen von denen ich gesprochen habe sind durch archäologische Grabfunde nachgewiesen. Und das fast überall auf der Welt seit der neolithischen Revolution. Besonders viele solcher Rinderbestattungen fand man in Ostdeutschland. In Börnecke in Sachsen-Anhalt ist zum Beispiel eins dieser Gräber. Besonders interessant finde ich, das man mittels DNA-Analyse nachweisen kann, dass die Rinder häufig verwandt waren. Man kann also davon ausgehen, dass die Mutterkuh und ihre Kälber gemeinsam beerdigt wurden.
Aber auch in der ägyptischen Religion, die sich ja über einen langen Zeitraum streckte, zu bestimmten Epochen Tiere aufwendig bestattet.
https://de.wikipedia.org/wiki/Tierbestattung_(Arch%C3%A4ologie)

Die unterschiedlichen nordamerikanischen Stämme hatten alle vielfältige animistische Rituale. Die Sioux haben vor den Jagden Tänze abgehalten um die Naturgötter um Erlaubnis zu bitten, ein Tier zu erlegen. Die Naturreligionen verstanden sich im Gegensatz zu den abrahimitischen Religionen nie als Zentrum der Natur sondern als Teil der Natur. Diese Vorstellungen von Natur erklären sich durch die (gezwungenermaßen) naturnahe Lebensweise. Denn Menschen und Tiere waren den Naturgewalten gleichermaßen ausgesetzt gewesen.
Auch in der Sprache der Indianer, spiegelt sich diese Naturnähe wieder. Zum Beispiel das Wort "Koyaanisqatsi" aus der Hopi-Sprache, nach dem auch ein Film benannt ist, ist nicht in moderne Sprachen zu übersetzten, da abrahimitische Kulturen kein Wort dafür kennen mit der Natur im Ungleichgewicht zu sein.

Ein gutes Buch dazu, welches nicht zu wissenschaftlich geschrieben ist und trotzdem nicht esoterisch wird ist z.B. dieses:
Feest, Christian F.: Beseelte Welten: Die Religionen der Indianer Nordamerikas, Herder (Hrsg.) ; Auflage: 1. (1998)
LG Mokiscrofa

Aloe Mutabilis
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Beitrag von Aloe Mutabilis » 17. Jun 2018 19:56

Vielen Dank!

Das wusste ich noch nicht.

mervon
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Beitrag von mervon » 18. Jun 2018 21:24

Bei diesen Betrachtungen wird deutlich ,dass das vielgepriesene Recht auf Religionsfreiheit in den sog. demokratischen Staaten
nicht garantiert wird.
Vielmehr herrscht eine Diktatur der anthropozentrischen Religionen,bei denen sich alles um den Menschen dreht.
Hat man in De das Recht nach einer Naturreligion zu leben,nicht nur in Bezug auf Ernährung sondern den gesamten Umgang mit“der Natur“? Nein, wer es versucht stösst überall auf Grenzen.Speziell auf die Grenze des Eigentumsrechts das über den Rechten der Nicht-Menschen steht.
Ich könnte schon ein Buch über Diskriminierungen und
Bestrafungen wegen Abweichen von der Einheitsreligion schreiben...

hansel
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Beitrag von hansel » 20. Jun 2018 09:47

Mokiscrofa hat geschrieben:Wie die abrahamitischen Religionen die moralischen Prämissen für die Entstehung der modernen Tierindustrie erschufen.


..................
Vor tausenden von Jahren waren viele Religionen sehr naturverbunden.
Ob es “Religionen” oder frühe animistischen Vostellungen waren, sei dahingestellt. Wir wissen kaum etwas darüber. Unsere Vorstellungen vom “edlen Wilden” sind doch eher unzulässig romantisch verklärt, wie fälschliche Zuschreibungen von irgendwelchen Weisheiten der Indianer zeigen. Eher noch ist das Verhältnis Mensch Tier aus der mittleren Steinzeit aus bildlichen Darstellungen (Chauvet-Höhle usw.) bekannt. Hier ist eine deutliche spirituelle Verbindung zu den Tieren sowohl als Jagdbeute als auch als Bedrohung dargestellt.
Dies ist kein Zufall, sondern eine logische Konsequenz aus dem Alltag von Menschen, die mit den Tieren in einer Gemeinschaft lebten. So haben „primitive“ Menschen im Neolithikum, also in der Zeit in der sich der Ackerbau und die Viehzucht weltweit etablierten, ihre Tiere beerdigt. In nordamerikanischen, animistischen Religionen lässt sich nachweisen, dass Menschen nach der Tötung eines Tieres, sich bei diesem für die Tat rituell entschuldigten.
Das enthält imho einige Fehlschlüsse: 1. benutzt ab dem Neolithicum der Mensch das Tier als Vorrats- Fleisch – und Milchquelle, “benutzte” es also. Das Tier wurde eher gegessen als begraben 2. wurden bis auf wenige Tiere (z.B. Truthähne) bei den nordamerkanischen Ethnien kaum Tiere gehalten. Der Schwerpunkt lag bei der Jagd -und bei den östlichen und südlichen Völkern bei der Landwirtschaft.
Die Beerdigung von Tieren als Selbstzweck müsstest du mir erst mal nachweisen:
Entweder wurden sie als heiliges Totemtier beerdigt (wie bei den Ägyptern) oder sie waren lediglich eine Grabbeigabe hochgestellter Persönlichkeiten, um ihnen auch im Jenseits zu dienen; oder sie waren “Lebensgefährten”, wie Hunde, Katzen und Pferde – auch ein ( wohl domestizierter) Fuchs ist überliefert. Die Haustiere des Neolithikum landeten in der Regel im Kochtopf und nicht in einem Grab,
Die rituelle Entschuldigung nach Tötung eines Wildtieres ist aus nordamerikanischen Stämmen glaubhaft überliefert. Etwa entsprechend der Gedenkminuten am erlegten Stück eines neuzeitlichen Jägers incl. Bruch und Verblasen. Selbst der finsterste atheistische Ossi (da kenne ich ja einige Jäger) spricht dann von Kreatur = Geschöpf (= Schöpfung Gottes)
Doch mit der Zeit, und fortschreitender Entfremdung der europäischen Gesellschaft zur Natur, wurde der moralische Wert der Tiere immer niedriger eingestuft. Schließlich, vor mehr als 3000 Jahren, mit dem Aufkommen der ersten abrahamitischen Religion, wurden die Tiere vollständig entwertet. Der Sklave namens „Nutztier“ war geboren.
Hier bist du ungenau: Einerseits redest du von der europäischen (vorchristlichen) Vergangenheit,die hier aber erst ca 500 n. Chr. aufgehört hat und von deren Verhältnis zu Tieren wir recht wenig wissen. Möglicherweise war es aber besser als im zivilisierten Rom. -
Andererseits schreibst du, dem Aufkommen der abrahamitischen Religion in dem lächerlich kleinen Juda (du sagst vor 3000 Jahren) zunächst eine zu große Auswirkung zu. Im ganzen übrigen Mittelmeerraum, - in Rom noch weniger als in Griechenland – hatte das Judentum doch zunächst kaum eine Relevanz. Das Christentum, als aus dem Judentum hervorgegangen, verbreitete sich doch erst viel später.

Aber ausgerechnet im Judentum war schon ein gewisser “Tierschutz”gegeben: In Anbetracht der (damaligen) Tatsache, dass das Herden -(Haus-) Tier als Mitgeschöpf zum Verzehr bestimmt war, bemühte sich das Judentum um eine extrem pingelige Vorgehensweise: Die Schlachtung (Shechita) durfte nur von besonders Ausgebildeten und mit den absolut vollkommensten Werkzeugen und möglichst schmerzarm erfolgen. Alles andere machte das Fleisch treife, war also ein Desaster.
Und in der Tat war die richtig durchgeführte rituelle Schächtung bis ans Ende des 19. Jhdts. eine relativ schonendé Methode, im Vergleich zu anderen gebräuchlichen.
Heute ist sie allerdings überholt.
Ich kenne keine Religion, die (bei aller Vorrangstellung des Menschen) so früh einige Tierschutzgedanken niedergelegt hat: Die Pflicht, den überladenen gefallenen Esel selbst deines Feindes wieder aufzuheben (Exodus 23:5) z.B.
Der Mensch ist um seiner Seele willen aufgefordert, einem bedrängten Tier zu helfen und der Sabbat galt auch für Tiere. Auch verschiedene außerbiblische jüdische Quellen (Maimonides u.a.) sprechen sich gegen Tierquälerei aus.
Übrigens auch zahlreiche muslimische Hadithe, die dem Menschen, der einem in Not geratenem Tier hilft, Lohn im Himmel versprechen. Das Christentum hat leider solche Gedanken nicht weiter ausgeführt.
Insbesondere das Christentum nutze alle verfügbare Gewalt auch den letzten animistischen Ritus (Aberglaube, Hexerei) aus den Gesellschaften zu tilgen.
Das ist korrekt: Karl der Große und die frühe Kirche verbot den Hexenglauben als gefählichen Unsinn.
Erst im späten Mittelalter und besonders in der frühen Neuzeit setzten sich diese alten germanischen Volksglauben unheilvoll bis in die Kirchen hinein durch.

Es ist aber müßig, aus dem Nebeneinander und Nacheinander der Religionen eine Art Gesetzmäßigkeit herzuleiten., z.B. sie auf eine “Urreligion” zurück zuverfolgen.

Auch stellen die wenigen (und oft genug falsch interpretierten) religiösen Gebräuche der nordamerikanischen Indianer nicht etwa eine Beispiel dar, wie es “früher” auch bei uns und an anderen Orten gewesen sein muss.
Karl Jaspers hat mal versucht, eine allgemeine Gesetzmäßigkeit in der Entwicklung der Religionen der “höheren” Gesellschaften herzuleiten: Die sogenannte “Achsenzeit”, in der um etwa 800 v. Chr. weltweit den Religionen eine Art philosophischer Unterbau gegeben wurde. Das wird heute so nicht mehr anerkannt.

Genau so wenig, wie man von einer “höheren” weil entwickelten Religion sprechen kann, sollte man eine “ursprüngliche” Religion als unverfälscht und damit besser ansehen. - Zumal unsere Kenntnisse darüber höchst bescheiden und oft genug romantisch verfälscht sind.

Mokiscrofa
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Beitrag von Mokiscrofa » 20. Jun 2018 12:42

Hallo hansel,

vielen Dank für deine umfassende Antwort. Ich stimme dir in den meisten Punkten zu, merke aber, dass ich sehr oft missverstanden wurde. Ich möchte daher auf ein paar Dinge eingehen um meine Position etwas klarer zu machen.

Es war nie meine Absicht Naturreligionen* den abrahimitischen Religionen als besser gegegenüberzustellen. Ich bezog mich in meinem Beitrag ausschließlich auf die Sicht der Menschen auf die Tiere. Den Vorwurf des "edlen Wilden" kann ich daher nicht ganz nachvollziehen, da ich mich garnicht auf die allgemeine Ethik der Relgionen bezogen habe. Es gibt sehr viele, einzelne Beispiele, (z.B. der Sonnentanz) bei denen Naturreligionen weniger ethisch sind. Außerdem habe ich keine Behauptungen über die Naturreligionen aufgestellt, sondern nur empirische Informationen präsentiert.

An anderer Stelle unterstellst du mir Fehlschlüsse, die ich so aber nie gezogen haben. :?:
Das enthält imho einige Fehlschlüsse: 1. benutzt ab dem Neolithicum der Mensch das Tier als Vorrats- Fleisch – und Milchquelle, “benutzte” es also. Das Tier wurde eher gegessen als begraben 2. wurden bis auf wenige Tiere (z.B. Truthähne) bei den nordamerkanischen Ethnien kaum Tiere gehalten. Der Schwerpunkt lag bei der Jagd -und bei den östlichen und südlichen Völkern bei der Landwirtschaft.
1. Das habe ich nie bestritten. Ganz im Gegenteil; Rinderbestattungen, wie man anhand der Knochen nachweisen kann, sind Bestattungen von geschlachteten Tieren.
2. Ich habe auch nie gesagt, dass nordamerikanische Kulturen hauptsächlich Viehhaltung betrieben haben.
Die Beerdigung von Tieren als Selbstzweck müsstest du mir erst mal nachweisen:
Entweder wurden sie als heiliges Totemtier beerdigt (wie bei den Ägyptern) oder sie waren lediglich eine Grabbeigabe hochgestellter Persönlichkeiten, um ihnen auch im Jenseits zu dienen; oder sie waren “Lebensgefährten”, wie Hunde, Katzen und Pferde – auch ein ( wohl domestizierter) Fuchs ist überliefert.
Ich muss dir also etwas nachweisen, während du selbst das Gegenteil, ohne Nachweis, behaupten kannst? ;) Ich bezog mich dabei auf verschiedene ägyptische Kulte in denen real-existierende Tiere als heilig betrachtet wurden. Ein bekanntes Beispiel dafür, wozu du sicher auch im Internet einiges findest, ist der Apis. Du wist schnell feststellen, dass diesem Stier wesentlich mehr Achtung entgegen gebracht wurde, als eine bloße Grabbeigabe zu sein.
Man muss aber eigentlich nicht ins alte Ägypten reisen, sondern es reicht sich Länder anzuschauen, in die sich das Christentum nicht ausgebreitet hat. (z.B. Indien)
Ich wollte mit diesem Beispiel (du nennst selbst noch andere gute Beispiele) zeigen, dass die Betrachtung des Menschen als "Krone der Schöpfung" nicht immer Normalität war. Soweit kannst du sicher zustimmen.

Auch scheinst du folgenden Satz misszuverstehen.
Doch mit der Zeit, und fortschreitender Entfremdung der europäischen Gesellschaft zur Natur, wurde der moralische Wert der Tiere immer niedriger eingestuft. Schließlich, vor mehr als 3000 Jahren, mit dem Aufkommen der ersten abrahamitischen Religion, wurden die Tiere vollständig entwertet. Der Sklave namens „Nutztier“ war geboren.
Ich gestehe natürlich ein, dass aufgrund der Kürze des Formats nicht die gesamte Geschichte der menschlichen Sicht auf das Tier beschreiben kann. Insofern hast du natürlich recht, dass es stark verkürzt ist. Der erste Satz ist ein Hinweis auf die Antike, die habe ich übersprungen. Verkürzt gesagt, stellt sich dort bereits eine erste Abweichung von Naturreligionen ein. Das ist aber noch kein Konses (vlg. Empedokles, Pythagoras). Dann geht es mit einem neuen Absatz weiter. Richtig ist, dass die abrahimitische Religion sich erst wesentlich später in Zentraleuropa ausbreitete. (Das habe ich aber auch (wieder ;) ) nicht anders gesagt.)

Später sprichst du vom Tierschutz im Judentum. Hier ergänzt du mich sehr gut. Ich habe mich hier nur auf die Tierrechte bezogen und nicht auf den Tierschutz. Natürlich gibt es auch später im Christentum Ansätze in der Praxis die unnötiges Tierleid vermeiden. Das ist aber nicht so, weil die Tiere in "Gottes' Augen" einen Wert haben, sondern nur weil der Mensch etwas Schlechtes tut. Es geht ausschließlich um den Menschen in der abrahimitischen Religion. Daher nennt man diese auch anthropozentrisch.
Es ist aber müßig, aus dem Nebeneinander und Nacheinander der Religionen eine Art Gesetzmäßigkeit herzuleiten., z.B. sie auf eine “Urreligion” zurück zuverfolgen.
Genau so wenig, wie man von einer “höheren” weil entwickelten Religion sprechen kann, sollte man eine “ursprüngliche” Religion als unverfälscht und damit besser ansehen. - Zumal unsere Kenntnisse darüber höchst bescheiden und oft genug romantisch verfälscht sind.
Ich spreche auch nicht von Gesetzesmäßigkeiten zwischen Religionen und auch nicht von höher- oder niederentwickelten Kulturen. Den Begriff "primitiv" habe ich daher in Anführungszeichen gesetzt. Ich halte es aber durchaus für gerechtfertigt, Verbingungen zwischen den abrahimitischen Religionen von heute und von vor 2000 Jahren zu ziehen. Insbesondere, wenn diese Religionen sich auf Bücher beziehen, die zu dieser Zeit geschreiben wurden. Eine Kultur steht in Verbindung mit ihrer vorherigen Kultur. Das ist ja gerade das, was der Begriff Kultur überhaupt meint. Das "Vererben" von Ritualen und Praxen. Würde die Nachfolgegeneration die Kultur der Vorgängergeneration ignorieren, würde man nicht von Kultur sprechen können.
Zum letzten Satz des letzten Zitates kann ich mich nur nochmal wiederholen, ich habe hier ausschließlich empirische Kenntnisse über Naturreligionen wiedergegeben und keine romantischen Behauptungen aufgestellt.
Ob es “Religionen” oder frühe animistischen Vostellungen waren, sei dahingestellt.
Genau so wenig, wie man von einer “höheren” weil entwickelten Religion sprechen kann (...)
Wenn du Naturreligionen als "animistische Vorstellung" den "echten" Religionen gegenüberstellt, musst du natürlich nicht mehr von höheren oder niedrigeren Religionen sprechen. Wenn du beide aber am gleichen Maßstab messen würdest, würdest du dir hier selbst widersprechen.

*Den Begriff Religion verwende ich, da ich die klare Trennung zwischen Mythologie und Religion für wissenschaftlich ungerechtfertigt halte. Es scheint mir eher ein rhetorischer Trick christlicher Autoren zu sein, um die abrahimitischen Religionen von "primitiven Kulten" abgrenzen zu können. Dadurch schafft man eine willkürliche kategorische Differenzierung, die einen Vergleich der beiden Mythologien bzw. Religionen verhindert.
LG Mokiscrofa

mervon
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Beitrag von mervon » 22. Jun 2018 08:26

Hier geht es bisher um die Frage inwieweit die heutige Massentierhaltung und die Tiernutzung allgemein religiös bedingt ist.
Hierzu einige Feststellungen:
1.Man braucht nicht in der Vergangenheit zu
forschen um herauszufinden wie der Umgang der Umgang mit Tieren,aber auch mit Pflanzen und dem Land religiös bedingt ist.
Es gibt immer noch regionale Kulturen die
Ihre eigenen Regeln im Umgang mit den nichtmenschlichen Lebewesen haben.
2.Leider sind Veganer zu sehr auf das Problem der Tiernutzung fixiert.
Dabei besteht das noch viel relevantere Problem in der allmählichen Zerstörung des Lebens auf dem Planeten,bis auf einige resistente Arten.
Die Vernichtung der Wildtierarten ist dramatisch ,und auch die Lebensbedingungen für den Menschen werden schlechter.
Heute ist der gedankenlose Einsatz von Technologien die treibende Kraft des Massentötens. Die Technik hat die Macht übernommen .
Von Urwaldrodung über Massentierhaltung bis Ueberfischung der Meere,alles wäre in dem heutigen Ausmaß ohne gewisse Technologien nicht möglich.
Hier stellt sich die Frage ob die Entwicklung der Maschinen mit der christlichen Mentalität der Naturbeherrschung zu tun hat.Denn die meisten Technologien die heute den ganzen Planeten beherrschen wurden im christlichen Abendland entwickelt.(während ich das schreibe wird gerade ein Platz in meiner Umgebung der für mich heilig war,ausgebaggert um dort
ein Haus aus künstlichen Materialen zu bauen)
In der Bibel steht seltsamerweise nichts
über Technologien (haha),deshalb sind diese
kein Thema...

hansel
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Beitrag von hansel » 22. Jun 2018 09:22

Mokiscrofa hat geschrieben:Hallo hansel,

Ich bezog mich dabei auf verschiedene ägyptische Kulte in denen real-existierende Tiere als heilig betrachtet wurden. Ein bekanntes Beispiel dafür, wozu du sicher auch im Internet einiges findest, ist der Apis. Du wist schnell feststellen, dass diesem Stier wesentlich mehr Achtung entgegen gebracht wurde, als eine bloße Grabbeigabe zu sein.
Meines Wissens brachte die Auswahl zur Verkörperung des Apisstieres nur diesem einem Tierindividuum Vorteile.
Andere Rinder unterlagen dem normalen "Verbrauch": wurden als Zugtiere und Milchlieferanten benutzt oder geschlachtet. Wenn der Apisstier 25 Lebensjahre erreichte, war es mit dem schönen Leben vorbei: Nach der Kür eines neuen Stieres wurde der alte in die Wüste gejagt oder geschlachtet
Man muss aber eigentlich nicht ins alte Ägypten reisen, sondern es reicht sich Länder anzuschauen, in die sich das Christentum nicht ausgebreitet hat. (z.B. Indien)
In Indien profitiert zwar nicht nur ein Individuum, sondern eine ganze Art. Das war aber nicht immer so: In alten Zeiten wurden die Rinder (vorzugsweise von den Brahmanen) gegessen. Wahrscheinlich wirtschaftliche Gründe (Mangel an Zugtieren) führten dann zu einem religiös verbrämten Verbot der Rinderschlachtung. Die übrigen Produkte und die Arbeitskraft wurde weiter genutzt. Und wenn die Kuh nutzlos wird, wird sie eher ausgesetzt und fristete ihr Dasein als Müllfresser, als dass sie in eins der seltenen Kuh-Heime kommt.
Die vermehrte Beachtung allen tierischen Lebens ergibt sich schon aus der Tatsache, dass es verpönt ist, seine verstorbene Schwiegermutter tot zu treten - auch wenn sie jetzt ein Wurm ist (bzw. schon früher war).

hansel
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Beitrag von hansel » 22. Jun 2018 10:22

mervon hat geschrieben:Hier geht es bisher um die Frage inwieweit die heutige Massentierhaltung und die Tiernutzung allgemein religiös bedingt ist.
......
Heute ist der gedankenlose Einsatz von Technologien die treibende Kraft des Massentötens. Die Technik hat die Macht übernommen .
Von Urwaldrodung über Massentierhaltung bis Ueberfischung der Meere,alles wäre in dem heutigen Ausmaß ohne gewisse Technologien nicht möglich.
Hier stellt sich die Frage ob die Entwicklung der Maschinen mit der christlichen Mentalität der Naturbeherrschung zu tun hat.Denn die meisten Technologien die heute den ganzen Planeten beherrschen wurden im christlichen Abendland entwickelt.
Danke für diesen Hinweis.
Tatsächlich hat nach Meinung zumindest eines Mediävisten (Johannes Fried) das Christentum (weniger die offizielle Kirche) entscheidend zu unserer heutigen modernen Technik beigetragen.
Anders als im Judentum und im muslimischen Glauben enthält das Christentum so viele offene Fragen, die zu Zweifeln, zumindest aber zu Klärungsversuchen (ver)führten.
Sicher: Auch bei den Juden und Moslems gab es beeindruckende Wissenschaftler und Philosophen. Aber ihre weitere Entwicklung wurde durch äußere Einflüsse (Spanien) und durch den Rückfall in starre Lebensregeln wieder gestoppt.
Den Christen stellten sich so viele Fragen: Wann genau ist das Osterfest zu feiern, - eine Abweichung könnte Gott beleidigen. Wann ist die Wiederkehr Christi zu erwarten, bzw. wann sind die "tausend Jahre" um? Wie sind die Zeichen zu deuten, die das "Ende de Welt" andeuten? Wie und wann sich vorbereiten?
Zweifel und Fragen waren immer angebracht - wenn sie nicht gerade zur Häresie führten. Die meisten wissenschaftlich arbeitenden Theologen (und die Theologie war die Basis aller Wissenschaften) wussten, dass sie auf einem schmalen Grat wanderten. Dieses Wissen-Wollen wurde immer wieder von der Kirche unterstützt (schließlich waren die Universitäten primär päpstliche Gründungen) aber auch immer wieder gedeckelt.
Schon im Mittelalter entwickelte sich eine Art Freiheit der Lehre (die Universitäten waren weitgehend selbständige Körperschaften. "Ferien" und "Streik" haben wir ihnen zu verdanken.) Und wenn es nicht ans "Eingemachte" ging, waren selbst die Päpste den Wissenschaften nicht abgeneigt. - Wenn nicht gerade so ein Prahlhans wie Galileo daherkam, der großspurig behauptete bewiesen zu haben, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Als Diskussionsgrundlage war diese Theorie von Kopernikus ja schon längst etabliert und wurde z.B. an der Universität von Saragossa gelehrt.

Die zweite Säule waren die Städte - in dieser Form auch eine ureigene Entwicklung des Mittelalters - mit ihrer teilweisen Selbstverwaltung, und der Bildung von Zünften. Dann folgte die Entwicklung des Bankwesens.
Das alles war natürlich nicht zielgerichtet aber führte doch dazu, dass in fast allen Bereichen Europa schließlich "vorn" lag.
Niemand kann sagen, ob dies zwangsläufig so kommen musste, ob es auch ohne Christentum so gekommen wäre.
Aber es gibt genügend Beispiele (China, Indien, arabischer Raum), wo beeindruckende Erfindungen und bedeutende philosophische und mathematische Erkenntnisse woanders irgendwie stagnierten oder sogar zurückgingen.
Riesige chinesische Flotten erforschten z.B. weit vor Kolumbus weite Gebiete der Weltmeere - aber China war sich selbst genug. Irgendeinen Auftrag, eine Religion weiter zu verbreiten, hatten sie auch nicht.

Nun kann man aus dem Wissenschafts- und Technologievorsprung, den das "christliche Abendland" nicht zuletzt durch die spezifischen hier entwickelten Denkweisen (wieviele Engel passen auf eine Nadelspitze?) geradewegs zu unseren Hochtechnologien führten, natürlich einen Beitrag des Christentums an den heutigen Zuständen herleiten, nicht nur im Bereich der Tierfabriken.
Ob das aber eine Schuldfrage ist?

Bevor jemand mir auf die Schulter klopft:
Viel besser dargelegt als ich es hier kann in:
Johannes Fried:
Aufstieg aus dem Untergang - Apokalyptisches Denken und die Entstehung der modernen Naturwissenschaft im Mittelalter.

Ein paar Rezensionen:

https://www.perlentaucher.de/buch/johan ... rgang.html

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